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Die Herrschaft der Paketboten

Die Nachbarin bekommt ein Paket. Ich bemerke das, weil ich das Treppenhaus betrete, als es bei ihr klingelt. Zufällig muss ich noch meine Schuhe binden, zufällig eine SMS lesen und in meiner Tasche kramen, bis sie die Tür öffnet. Sie nimmt das Paket entgegen. Der Bote geht, schwer atmend, ab. Ich überlege ernsthaft, ob ich der anstrengende Typ Nachbar sein will. Mindestens 0,732 Sekunden.
„Entschuldige?“, sage ich.„Hallo!“, sagt die Nachbarin.
„Entschuldige, aber“, sage ich.
Die Nachbarin macht dieses Ding mit den Augen, bei dem man denkt, dass einem noch nie ihre Augen aufgefallen sind, obwohl sie einem schon längst aufgefallen sind. Mindestens 732mal.
„Ich meine nur“, sage ich, „wo du doch sonst immer so korrekt unterwegs bist.“
Die Nachbarin könnte fragen, wo ich denn sonst immer meine Grammatik hernähme, aber sie beschränkt sich auf das Augen-Ding.
„Pakete. Lieferdienste. Prekäre Arbeitsbedingungen. Der Tod des Einzelhandels. Ich hätte irgendwie“, sage ich, „nicht gedacht, dass du dir Pakete bringen lässt.“
Erst jetzt kommt mir der Gedanke, dass sie vielleicht auch ein Paket von ihrer Mutter bekommen hat, oder von einem Verehrer.
„Hab ich neulich erst wieder was drüber gelesen“, sage ich. „Die Menschen bestellen immer mehr im Internet. Obwohl die meisten wissen, dass das nicht gut ist. Sie tun’s trotzdem.“
Die Nachbarin packt das Paket aus. Es ist nicht von ihrer Mutter oder einem Verehrer. Es ist eine in zehn Papierschichten eingewickelte Sonnenbrille. Wahrscheinlich braucht sie die, um ihre Augen zu schonen, damit sie weiterhin ihr Augen-Ding machen kann. Die Rechnung flattert zu Boden.
„Du hättest die Brille doch in einem Laden um die Ecke kaufen können“, sage ich. „Ist wie mit dem Essen. Die Leute essen auch immer schlechter, dabei wissen die meisten, dass Fertigkost nicht gesund ist und Südfrüchte eine miese Ökobilanz haben.“ Ich sage: „Blöde Parallele jetzt.“
Die Nachbarin setzt die Sonnenbrille auf. Sie steht ihr fabelhaft.
„Jedenfalls, bei den Bestellungen im Internet“, sage ich. „Da unterstützt man ja im Prinzip, dass haufenweise Billiglohnkräfte ausgebeutet werden. Wie der arme Kerl, der grade drei Stockwerke hochlaufen musste, um dir die Brille zu bringen.“
Die Nachbarin strahlt, als hätte ich ihr das Kompliment zu der Brille gemacht, das ich ihr gemacht hätte, wenn ich der weniger anstrengende Typ Nachbar wäre. Wollte ich eigentlich auch sein. Mindestens 732.000mal.
„Ich unterstütze keine Ausbeutung“, sagt die Nachbarin. „Ich unterstütze die Herrschaft der Paketboten.“
„Entschuldige?“, sage ich.
Die Nachbarin zieht die Brille bis auf ihre Nasenspitze herunter. Das ist nicht sehr weit, denn sie hat eine ziemlich kleine Nase, die am Ende des Nasenbeins einen entzückenden Bogen beschreibt, der mir auffallen würde, wenn sie nicht gerade schon wieder dieses Ding mit ihren Augen machte, so dass mir hauptsächlich ihre Augen auffallen.
„Paketboten und andere prekäre Dienstleister“, erklärt die Nachbarin, „führen zu niedrigen Löhnen körperliche Tätigkeiten aus. Die niedrigen Löhne trainieren ihre Wut, die körperlichen Tätigkeiten ihre Muskeln. Das sind die entscheidenden Faktoren, um Durchsetzungsfähigkeit zu entwickeln und sich langfristig gesellschaftlich nach oben zu kämpfen. Bis sie langfristig in Jobs mit hohen Löhnen und unkörperlichen Tätigkeiten landen und die andere Hälfte der Gesellschaft durch die Gegend schicken.“
„Aber“, sage ich.
„Wenn ich nicht im Internet bestellen würde“, sagt die Nachbarin, „würde ich den Paketboten daran hindern, sein Potential zu entfalten und eines Tages aus seiner prekären Lage zu entkommen. Das wäre herzlos.“ Sie nimmt die Brille ab und mustert sie, als habe sie sie eben erst bemerkt. „Ich dachte“, sagt meine Nachbarin, „ich hätte ein Kleid bestellt.“ Sie schüttelt den Kopf, dreht sich um und schließt die Tür.
„Aber“, sage ich noch einmal. Es hallt. Ich zähle bis 732, 732mal.

 

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