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Das Internet der Linge

Viele sprechen in diesen Tagen vom Internet der Dinge. Gemeint ist, dass der Kühlschrank künftig Speck bestellt, wenn der Speck alle ist. Das Auto umfährt selbstständig Staus, und das Hemd ruft von allein den Arzt, wenn man vom vielen Speckessen und Autofahren einen Herzinfarkt bekommt.
Bei aller Begeisterung für diese Innovation aber wird ein Ruf wird laut und lauter: Bevor die Dinge ins Internet dürften, seien ja wohl erst einmal die Linge dran! Diese Forderung wird hauptsächlich von Häuptlingen vertreten. Sie prangern an, dass niemand bislang angeprangert habe, dass die weltweite Gemeinde der Linge noch immer nicht im weltweiten Netz sei. Ohnehin würden Linge zunehmend marlingalisiert, eine Entwicklung, die die Feiglinge lange vorhergesehen haben (aber allein nicht den Mut aufbrachten, etwas dagegen zu tun, und auf der Suche nach Verbündeten nur auf Schwächlinge stießen). Ihr Ruf nach einer Koalition der Willingen blieb ungehört. Dabei handelt es sich längst nicht mehr um Wildlinge. Einstweilen aber wird nicht einmal Kreativlingen der Weg ins World Wide Web geebnet, wiewohl die ihn am dringlingsten bräuchten. Sie kriegen höchstens AOL, weil man inzwischen weiß, dass das wirklich nicht dasselbe ist. Doch sind sie längst nicht die einzigen Linge mit starker Lobby: Die Schönlinge klagen seit Jahr und Tag, dass sie endlich zu Tinder wollten, und die Lüstlinge und Wüstlinge klagen erst recht. Die Schmetterlinge verlangen, es müsse nun Schlag auf Schlag gehen, und viele Finsterlinge raunen ohnehin, dass man sie vom gesellschaftlichen Leben aussperren wolle, sie munkeln von einer Verschwörung der Erdlinge und gehören dann rasch ignoriert. Winzlingen wiederum gebührt Gehör, wenn sie von ihrer fortdauernden Disklingminierung künden, das haben nur Primitivlinge noch nicht kapiert. Allein, dass man hierzulande nicht nur in Überlingen viel zu viel über Linge redet, aber viel zu wenig mit Lingen, davon singen vor allem die Flüchtlinge ein Lied.

Es wäre dies nun alles nicht schlimm, wenn aus der Politik, der Gesellschaft, irgendwoher ein Zeichen käme, ein „Wir schaffen das“, ein Signal für die DigitaLingsierung. Das Ding mit den Lingen aber ist, dass sie sich gar nicht so leicht als Gruppe begreifen lassen. Mit Menschen hat man’s einfacher, das bisschen Mann-Frau oder Blöd-Schlau macht schließlich kaum einen Unterschied. Dinge sind zwar diverser, aber viel simpler als Linge und deshalb ebenfalls gut zu connecten. Widerlinge und Lieblinge aber lassen sich schwerlich in dieselbe Schublade packen, einem Säugling kann man kaum die Funktionsweise eines Virenscanners erklären, bei einem Schädling lingegen sollte man es nicht tun. Der Beispiele sind zahllose, wodurch sich die Anbindung der Linge an die virtuellen Weiten wahnwitzig kompliziert anlässt. Weshalb sie gern ganz gelassen wird. Dass der Ling aber stattdessen Verunglingpfung erfahren muss, im beständigen Pling Pling des Kapitalismus, im Bling Bling manch prominenter Sängerling, ganz zu schweigen vom andauernden Klingelingeling aller Fahrradklingeln der Erde, das ist nun wirklich nicht einzusehen. Doch weiß auch der Neuling um die Tatsache, dass linguale Verballhornung nicht auf fremde Mächte zurückgeht, sondern aus den Reihen der Linge selbst stammt: Die Schreiberlinge begannen einst damit. Weshalb sich die herrschende Klasse darin gefällt, den Lingen nahezulegen, erst einmal Einheitlinge zu werden, dann könne man sehen. Nicht nur die Rohlinge werden ob solcher Appelle ruppig. Die Häftlinge lassen die Knöchel knacken, die Fäustlinge fallen ein und manch Frühling droht damit, auszufallen. Spätestens dadurch entgleitet noch jede Debatte und man streitet bis spät in die Nacht, während einem Eindringlinge in aller Ruhe die Bude ausräumen. Ihre Beute teilen sie unter Zöglingen, Lehrlingen, Sprösslingen, Täuflingen, Günstlingen, Prüflingen, Jünglingen, Emporkömmlingen, Frischlingen, Zwillingen und Drillingen auf, wodurch auch noch der letzte Sonderling irgendwann an eine Teekanne mit WLAN-Anschluss kommen wird. Die kümmert sich dann wenigstens um Darjeeling. Die Zukunft kann kommen.

 

 

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